Deutschland Diversity

Darf man stolz auf Deutschland sein?

Stolz muss erarbeitet werden.

Man sollte sich fragen, was man selbst für das Deutschland geleistet hat, auf das man so stolz ist.

Viele fragen sich: Warum soll ich ein Opfer bringen? Warum nicht jemand anders? Die Politiker, die Medien?

Wir leben in einer Demokratie, wo die Politiker und die Medien ein verlängerter Arm von uns sind, wir haben sie gewählt, wir lesen, wir unterstützen und finanzieren sie.

Wenn diese Institutionen (angeblich) versagen, heißt das auch, dass man selbst Fehler gemacht hat.

Das kann niemand anders ausbügeln, die Frage muss nicht heißen „Warum soll ich?” sondern „Warum nicht ich”?

John F. Kennedy, der US-amerikanische Präsident sagte einst: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst.”

Genau diese Einstellung fehlt mir in dieser ganzen Debatte.
Es gibt übrigens viel, worauf man stolz sein kann und dafür muss man nicht den Weltfrieden oder das die Formel für die Quelle des Lebens gefunden haben:

Dass man jeden Tag in aller Frühe aufwacht, Butterbrote schmiert und die Kinder zum Kindergarten bringt.
Dass man sich trotz aller Mühen zur Therapie begibt.
Dass man seine 40 Stunden Woche schiebt und sein Studium finanziert.
Dass man seiner älteren Nachbarin die Einkaufstaschen nach oben trägt.
Dass man mit Monday Blues zur Arbeit geht und sich in die Reihe gesichtsloser Uniformierter vor dem Eingang einer Firma aufreiht.
Dass man forscht, forscht und forscht und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt.
Dass man immer wieder aufsteht und am Ende des Tages zufrieden in den Spiegel schauen kann.
Und am wichtigsten:
Dass man trotz aller Schwierigkeiten nicht von Hass, Neid und Missgunst zerfressen wird.

Niemand ist perfekt, niemand kann oder soll perfekt sein — aber auch als (perfekter) unperfekter Mensch ist es möglich, jemand anderen die Hand zu reichen oder einfach nur zuzuhören.

Wer nach der Parole „Deutschland nur den Deutschen” lebt, vergisst, dass wir im Grunde nichts anderes sind als eine gleiche Ansammlung von Wasser und chemischen Verbindungen.

Es kann nicht sein, dass einige „gleicher” sind als alle anderen.

Nur zur Information, so lange gibt es “uns” noch gar nicht, der erste deutsche Nationalstaat wurde erst 1871 ausgerufen und im Grunde gibt es das Deutschland, was wir kennen und lieben als Ganzes erst seit 1990.

Und überhaupt, was genau ist „Deutsch”?

Ist es Deutsch, vor Flüchtingsheimen zu stehen, mit einer Bierfahne herumzugröhlen und sich in der Masse stark zu fühlen?
Ist es Deutsch, als Kind türkischer Gastarbeiter in einer italienischen Pizzaria zu arbeiten?
Ist es Deutsch, in der Staatsoper italienischen Opern zuzuhören?
Ist es Deutsch, sich in der finnischen Sauna wohl zu fühlen?
Ist es Deutsch, als Kind koreanischer Gastarbeiter in einer amerikanischen Investment-Firma mit Sitz in Deutschland zu arbeiten?
Ist es Deutsch, Technik und Kleidung aus China zu nutzen?
Ist es Deutsch, jeden 1. Mai vermummt und randalierend durch die Straßen zu ziehen?
Ist es Deutsch, die Regeln des indischen Yoga an der Volkshochschule zu unterrichten?
Ist es Deutsch, kunstvolle Maori-Tattoos in dem Szene-Viertel einer deutschen Großstadt zu stechen?
Ist es Deutsch, auf dem Oktoberfest schon fast mehr ausländische Besucher zu haben, als inländische?

Das alles ist Deutsch.

Manches ist hässlich, manches kurios, vieles aber wunderschön.

Auch viele Komponisten, Dichter und Denker sind Deutsch, Menschen, ohne die die Welt heute ganz anders aussehen würde: Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe, Martin Luther, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Albert Einstein, — nur um einen Bruchteil der Deutschen zu nennen, die das Weltbild veränderten und mit denen sich Deutschland schmückt, weil diese Personen noch immer international Einfluß ausüben.

Deutschland ist bereits lange international.

Im Inneren, sowie in der Wirkung auf die Welt.

Ohne das internationale Netzwerk ist Deutschland, ist kein Land auf dieser Erde mehr in der Lage, lange zu überleben. Nur scheinen immer mehr Menschen dies nicht zu akzeptieren.

Ich rede hier von der Akzeptanz und bewusst nicht von Toleranz, da beides grundlegend verschieden ist und ich der Meinung bin, dass nur eine Akzeptanz Deutschland zukunftsreif machen kann.

Kein Mensch sollte nur toleriert werden.

Meine Großeltern und Eltern sind zum Teil barfuß, ohne Geld und Gut auf einer Holzkarre über hunderte Kilomenter vor Krieg geflohen. Ich werde niemals nachempfinden können, wie sie sich gefühlt haben — denn ich habe es selbst nicht erlebt und, da ich in einer wohlhabenden Industrienation lebe, werde ich es auch aller Wahrscheinlichkeit nicht erleben müssen.

Was ich kann, ist dankbar zu sein, dass es Menschen gab, die damals ihre Hand ausstreckten und, egal ob selbstlos oder aus Eigennutz, Hilfestellung boten, denn ohne diese Menschen wäre auch ich nicht hier.

So eine Familiengeschichte ist aber nicht nötig, um Empathie zu entwickeln.

Es reicht, ohne Vorurteile an das Neue und Fremde ranzugehen.

Kein Mensch wird kriminell geboren, kein Mensch ist von Geburt an abgrundtief böse, kein Mensch will sein Leben lang andere ausnutzen, kein Mensch will für immer von der Stütze leben.

Aber irgendwann, wenn man kein Ziel mehr vor Augen hat und auch auf kein offenes Ohr mehr stößt, gibt man sich und alle anderen auf. Dies gilt nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für diejenigen, die in Flüchtlingen ihr Feindbild sehen. Wer sich sozial Schwache als Feindbild sucht, hat sich schon aufgegeben.

Das ist nichts anderes, als auf dem Schulhof den Neuen, den Nerd, den Dicken, den Dünnen, den „Uncoolen” zu mobben.

Deswegen will ich keinen „Aufstand der Anständigen” sondern erst mal einen Aufstand für den gesunden Menschenverstand und Empathie.

Einen Aufstand für uns selbst und nicht für jemand anderen.

Einfach, weil es nicht mehr so weitergehen kann, die Apathie wird uns alle noch teuer zu stehen kommen.

Dieser Aufstand muss in unseren Herzen und Köpfen passieren, er braucht nicht einmal auf die Straße getragen werden… jedoch wäre dies natürlich beeindruckender.

An die Satiriker des deutschen Fernsehens, ihr lasst euch doch bei Vorbildern aus den USA sogar bis zum Bühnenbild inspirieren — könnt ihr nicht auch die „Rally to Restore Sanity and/or Fear” nach Deutschland tragen?

Aber ob sich Persönlichkeiten aus dem TV dazu bereit erklären ist eine andere Frage, denn wie in den letzten Tagen deutlich wurde, erfahren Prominente Häme aus allen Lagern. Sei es links oder rechts.

Sie tun zu wenig. Sie tun es falsch. Sie tun zu viel. Sie haben keine Ahnung. Sie sind auf PR aus. Sie sprechen nicht intellektuell genug. Sie sollen doch gefälligst selbst Leute in ihrem Schloss campieren lassen. Sie sollen sich der Bürokratie der offiziellen Stellen beugen.

Warum diese Nörgelei?

Es wird gefordert anzupacken — und wenn es jemand tut, wird das berühmte Haar in der Suppe gesucht. Ist es aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus, dass jemand es kann und man selbst nicht dazu in der Lage ist?

Oder, weil man selbstgefällig möchte, dass andere es nicht besser oder anders durchführen können als man es sich selbst vorstellt?

Es ist verdammt mutig, sich als Prominente/r hinzustellen und das dicke Fell dazu haben, dem Druck stand zu halten. Nicht jeder hat die finanziellen Mittel zu helfen und es sollte klar sein, dass nicht erwartet wird, dass man sein letztes Hemd gibt, um anderen zu helfen (außer man gehört dem Orden der Mutter Teresa an), aber Empathie ist kostenlos und sogar erlernbar.

Einige halten aber leider und verständlicherweise dem Druck der Gegner nicht stand und ziehen sich zurück. Im Angesicht von Leid, Terror und Hunger sollte daher jeder einfach das leisten, wozu man sich in der Lage zu geben fühlt, sei es ein Lächeln, eine Tüte Brötchen oder eben ein ganzes Flüchtlingsheim.

Wer nur dazu in der Lage ist, den Frust über sein eigenes Dasein in Hass zu bündeln, hat es zwar geschafft, seine Kräfte zu sammeln, aber den richtigen Ausgang für besagte Kräfte einfach nicht gefunden.

Überspitzt gesagt: Wir schauen uns nackte Leute im TV an, die auf einer einsamen Insel an einer Poledance-Stange für Quoten ihr mehr oder weniger beeindruckendes Gemächt im Wind flattern lassen, während andere Menschen vor Terror und Hunger fliehen. Im Angesicht dieser Tatsachen kann man nur kopfschüttelnd sagen: Wir haben keine Probleme, wir wissen nicht mal, was Probleme sind.

Und das ist das wirkliche Problem.

Mir ist übrigens egal, ob man vor Bomben oder wegen eines leeren Magens und Perspektivlosigkeit flieht. Das Ergebnis beider Situationen ist nämlich gleich — sich am Ende einige Meter tiefer unter der Erde zu befinden. Wer glaubt, „Wirtschaftsflüchtlinge”, die wegen Hunger und Krankheit ihr Land verlassen, seien auf einem Wellness-Trip, kann gerne einen Selbstversuch starten und mal eine Woche lang nur Regenwasser trinken und bei der nächsten Erkältung auf alle Medikamente und Hausmittel verzichten.

Hunger ist ein großer Motivator.

Der Hunger nach Macht, Geld, Wissen, Freiheit, Essen und im Endeffekt Leben… wenn man diesen Hunger nicht stillen will oder leiten kann, muss man das Land so unattraktiv machen wie möglich: sich abschotten wie in einer Dystopie und irgendwann überrannt werden, das Land herunterwirtschaften oder einen Schlussstrich ziehen und sich endlich an Konzepte setzen, die nicht auf den eigenen, kurzfristigen Vorteil aus sind. Das ist nämlich der Preis, den man für Wohlstand zahlt: Man wird attraktiv für alle, die Hilfe benötigen. Leider klingt das alles nicht sehr schön, wir haben schlichtweg verpasst, uns rechtzeitig den Fragen in Sachen Integration, Migration und der Zukunft Deutschlands zu stellen.

Uns ist der Hunger, der alle Entwicklung antreibt abhanden gekommen, er hat sich als Zufriedenheit zur Ruhe gesetzt und was sich jetzt in der Fratze der zunehmend radikalisierenden Gesellschaft zeigt, ist die Quittung dafür.

Bin ich ein Träumer?

Gerne.

Denn wer keine Träume hat oder nur in einer (Haut)Farbe träumt, hat denn Sinn seines Lebens nicht verstanden. Man lebt nur einmal und ich persönlich habe keine Lust, kostbare Zeit mit Hass auf andere zu verschwenden.

Und wenn ich auf etwas stolz bin, ist es die Tatsache, dass Deutschland in der Position ist, dass sich Flüchtlinge darum reißen, gerade hierher zu kommen. Das zeigt, was Deutschland nach dem desaströsen 2. Weltkrieg auf die Beine gestellt hat — vom monströsen Täter und Verlierer, zum Gewinner, dem Powerhouse von Europa.

Deutschland war in der Geschichte immer in einer aktiven Rolle, sei es negativ oder positiv.
Aber jetzt auf einmal passiv zu bleiben — das ist Angesicht dieser Chance, Geschichte schreiben zu können, zu zeigen, dass man aus seiner Vergangenheit gelernt hat und auf friedlichem Wege bereit ist, ein Vorreiter Europas zu sein, ist doch sehr feige.

Wenn unsere Mitbürger in der Hoffnung auf bessere Lebensumstände Deutschland verlassen, sind sie sogenannte Auswanderer, aber Leute, die mit der gleichen Hoffnung im Herzen zu uns kommen sind Flüchtlinge, die man in einem Lager festsetzen muss und vorverurteilt, ohne sie zu kennen?

„Andere Länder machen das auch oder gehen härter vor!” werden viele jetzt sagen.
Richtig. Aber ich glaube daran, dass Deutschland sich nicht mit anderen Ländern vergleichen braucht, wir sind doch keine Lemminge, die genau das machen müssen, was der Nachbar tut.

Deutschland hat das nicht nötig, denn wir sind einzigartig (ok, das könnte jedes Land auf der Welt von sich behaupten) in seiner Historie und schon lange bunt, auch wenn einige es nicht wahrhaben wollen.

Mein persönliches Fazit: Nur stolz darauf zu sein, dass man zufällig in einem bestimmten Land geboren wurde, ohne selbst etwas für das besagte Land geleistet zu haben, ist nichts anderes, als eine Made zu sein, die sich genüsslich in den Speck setzt.

Ich bin stolz darauf, was ich bislang in Deutschland erreicht habe und stolz auf das Land, welches mir so viele Möglichkeiten geboten hat.

Auf was genau seid ihr, liebe Leser stolz?


Originally published at www.huffingtonpost.de.

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