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Flüchtlingskrise: Die modernen Hunger Games

Die einen zünden Flüchtlingsheime an, während die anderen bis zur Erschöpfung ehrenamtlich helfen — mir scheint es, als ob Deutschland aktuell das Land der Gegensätze ist. Es ist, als ob wir hier nur die Extreme kennen und können, aber nicht in der Lage sind, einen Mittelweg zu finden.

Ich frage mich: Ist die tägliche Berichterstattung mit reißerischen Titeln und eigens eingerichteten Livetickern auf den Websites größerer Zeitungen wirklich hilfreich? Oder heizt es die Gemüter nicht zusätzlich an?

Wenn ich eine Reizüberflutung möchte, dann klicke ich doch auf einen Hashtag auf Twitter; und ja, mir ist bewusst, dass dieser Beitrag von mir ein Widerspruch zu meiner Aussage darstellt.

Benötige ich wirklich einen Livestream, der mir jeden Meter anzeigt, den verzweifelte Menschen auf der Suche nach Frieden zurücklegen?

Ich komme mir vor, als sei ich ein Zuschauer in den Hunger Games:
Mitmenschen riskieren ihr Leben, damit sie Mord, Folter und Hunger entkommen können, derweil errichten wir Zäune, lassen Söldner auf den Meeren patrouillieren, schließen die Grenzen — und applaudieren dann den Überlebenden, die es durch Wüste, Wasser und Berge mit letzter Kraft zu uns geschafft haben.

Um mal Tacheles zu reden: Wie krank ist das denn?

Ich erlebe im Freundeskreis eine zunehmende Abstumpfung, auch unter uns Musikern, von denen ich eigentlich erwartet hatte, am tolerantesten und großzügigsten zu sein.
Während meines Violin-Studiums in verschiedenen Ländern Europas habe ich nur einen Musiker getroffen, der unterschwellig ausländerfeindlich war — und auch nur deswegen, weil er fachlich nichts zu bieten hatte.

Die eigentlich verpönte Einstellung “Nur die Leistung zählt” fand ich in der Hinsicht befreiend, es gab für mich während der Ausbildung keine Hautfarben, sondern es zählte wirklich nur der Fleiß.

Heute ist es anders.

Ich lese, wie sich ein Dirigent darüber aufregt, dass so viele „Fremde in sein Land kommen, um sich ein besseres Leben aufzubauen”, dabei studierte er selber wegen besserer Bedingungen im Ausland und lebte bis vor kurzem auch noch in der Ferne, da er in seiner Heimat — nach eigener Aussage — weniger Gehalt erhalten hätte.

Er fährt übrigens jedes Quartal für Gastspiele ins Ausland und verdient gutes Geld… während er möchte, dass „die Grenzen für Ausländer dichtgemacht werden”.

Das ist doch paradox — ein besseres Leben ist für uns in Ordnung, aber bitte nicht für andere?

Und dann eine Pianistin, die meint, es wäre doch besser, den Menschen, die es bis nach Europa geschafft haben als Abschreckung nicht zu helfen, dann „würden nicht mehr von denen herkommen und uns fluten”. Sie hat übrigens auch im Ausland studiert und lebt auch in Übersee, weil es in ihrer Heimat keine Anstellung für sie gab.

Sicherlich sind das nur zwei persönliche Beispiele, aber sie zeigen, dass die zunehmende Radikalisierung, der Egoismus und die Verblendung neue Züge erhält.

Wirklich gefährlich sind nicht die dumpfen Schläger, die brüllend die Nationalfahne falsch rum halten und durch die Straßen torkeln (denn die kann man nach dem Begehen einer Straftat auch wegsperren).

Gefährlich sind die Nadelstreifenträger, die rhetorisch gewandt sind und es ausnutzen, dass es im Moment bei uns nur Extreme gibt und keine Mitte, keinen Kompromiss.

Bürger haben übrigens nicht die Pflicht, Lösungen anzubieten — dazu ist die Regierung da, die ordnungsgemäß gewählt wurde. Wir sind aber in der Pflicht denen zu helfen, die bereits hier sind und Hilfe benötigen — sei es ein Obdachloser, eine Waise, ein Flüchtender.

Es sind alles Mitmenschen.

Die Schwächsten gegeneinander auszuspielen („Warum geht die Hilfe nicht an XY”) ist nicht nur feige, sondern das Allerletzte.

Damit sich die Hilfsbereitschaft aber nicht erschöpft, ist die Regierung meiner Ansicht nach gefordert, einen Kompromiss auszuarbeiten — mit einer Lösung in Sichtweite.

Denn die Welle der Barmherzigkeit und Anteilnahme ist nichts weiter als eine Atempause — gespendete Zeit, während der unsere gewählten Vertreter beweisen können, dass sie unser Vertrauen und das Kreuz auf dem Stimmzettel auch verdient haben.

Ach ja: Wer sein „christliches Abendland” verteidigt, sollte sich mal diesen Satz aus der Bibel genauer anschauen:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”.

Wenn ich mir einige Mitmenschen anschaue, scheinen sie sich selbst zu verachten.

Schade eigentlich.


Originally published at www.huffingtonpost.de.

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